Leseprobe

Auf dem kleinen Teich hinterm Haus tanzen Sonnenkringel. Schilf wächst darin und eine Seerose, die ihre Blüte geöffnet hat. Unter der Wasseroberfläche schimmert es rotgolden, das kommt von den Goldfischen. Der Teich hat eine magische Anziehungskraft auf das Kind. Es setzt sich an den Rand und taucht einen nackten Zeh in das Wasser. Es beugt sich ein klein wenig nach vorn. Sein Spiegelbild lacht ihm entgegen, ein Kindergesicht mit dunklen Haaren, verzerrt durch kleine Wellen und flirrendes Licht. Es will das Gesicht streicheln und taucht die Hand ins Wasser. Die Wasserfläche teilt sich und zerstört das Gesicht, schwimmt in Bruchstücken auf der welligen Oberfläche. Als das Kind die Hand wieder herauszieht, zittern Wasserperlen an seinen Fingerspitzen und das Gesicht fügt sich langsam wieder zu einem Ganzen zusammen.
Jetzt will es wissen, was sich unter der glitzernden Oberfläche befindet. Diese geheime Welt erkunden, die es noch nicht kennt. Das Kind lässt seinen schmalen Körper in das Wasser gleiten, das sich warm und weich anfühlt wie sein Bettchen, wenn es am Morgen erwacht. Das Wasser erreicht den Bauch, die Schultern, den Hals. Wohlige Schauer lassen es zusammenzucken. Immer tiefer sinkt es hinein, die Augen weit geöffnet. Es fühlt Schwerelosigkeit. Interessant ist es dort unten. Und schön. Leise. Da ist ein Flüstern und Summen. Die Bewegungen des Kindes sind fließend. Es fühlt sich geschützt. Es ist in vollkommener Harmonie mit dem Element Wasser. Eine Nixe. Ein Fisch.
Plötzlich spürt es einen harten Ruck. Es wird emporgezogen. Zurück in die laute Welt. Da ist ein Schreien und Rufen. Ein Stimmengewirr. Viel zu laut und ganz anders als dort unten unter dem Wasser, wo es so schön still war.
»Ein paar Minuten später und sie wäre tot gewesen«, sagt eine Stimme, die abebbt und wiederkehrt. Wie eine Meereswelle.

 

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